Ich kann nicht mehr zählen, wie viele gute Ideen mir durch die Lappen gegangen sind, weil ich keine Chance hatte, unterwegs oder während der Arbeit rasch etwas zu skizzieren, was mir gerade durch den Kopf ging.
Mein Vater hatte die Superkraft, eine Melodie vor sich hin zu summen, dann ein Stück Papier und einen Stift zu nehmen und aus dem Rohr die entsprechenden Noten aufschreiben zu können. Doof: Ich habe zwar allen möglichen Schwachsinn von meinem alten Herrn geerbt, doch ausgerechnet diese Superkraft ist bei mir nicht angekommen. Also muss der geneigte Hobbymusiker zu anderen Möglichkeiten greifen.
Also dachte ich mir, ich nutze einfach mein Smartphone. Das Ding habe ich ja ohnehin immer dabei, also sollte es doch kein Problem sein, dort eine kleine Musiksoftware zu installieren. Muss ja nicht gleich ein komplettes tragbares Studio sein. Ich entschied mich für Steinberg Cubasis. Das gibt es für verhältnismäßig schmales Geld im Google Store. Und siehe da, die Arbeit damit geht ganz geschmeidig von der Hand. Doof nur, wenn man von Natur aus dicke Finger und eine Aversion gegen kleine Touchscreens hat. Deswegen gammelt Cubasis nun weitestgehend ungenutzt auf meinem Telefon herum. Abgesehen davon lief ich damit ziemlich schnell in Speicherprobleme, als ich gleich mehrere Samples in einem Intro nutzen wollte. Da kam das Telefon zügig an seine Grenzen.
Also hielt ich nach einer anderen Möglichkeit Ausschau, um meine Ideen möglichst schnell und unkompliziert skizzieren zu können.
Und nun habe ich diese Möglichkeit wohl in Form eines schwarzen Kästchens gefunden, das mir eher per Zufall über den Weg gelaufen war:

Das Novation Circuit Tracks.
Ich hatte schon vor einiger Zeit mit einer Groovebox geliebäugelt und dabei ein Auge auf das Ableton Push 3 geworfen. Als ich dann den Preis sah, verging mir der Bock auf ein solches Gerät ziemlich schnell wieder.
Das Circuit Tracks entdeckte ich im Newsfeed meines Internetbrowsers, in dem immer wieder mal Nachrichten über allerlei elektronische Musikinstrumente auftauchen. Zunächst hielt ich die Groovebox für ein eher überflüssiges Gimmick, aber je mehr ich darüber erfuhr, desto interessanter wurde das Gerät für mich. Das ging so weit, dass ich mich dazu durchrang, einen Teil meines verbliebenen Weihnachtsgeldes einzusetzen und dem Circuit Tracks eine Chance zu geben.
Die technischen Daten sowie die Features sahen – für diesen Preis – ganz interessant aus:
- Zwei Synthesizer-Tracks, integrierte subtraktive 6fach polyphone Synthesizer.
- Zwei MIDI-Tracks, mit denen sich externe Instrumente ansteuern lassen.
- Vier Drum-Tracks.
- 32-Step-Sequenzer.
- 32 Anschlagdynamische Pads mit RGB-Beleuchtung.
- Pro Spur lassen sich bis zu 8 Sequenzer-Patterns speichern.
- Gruppieren der Patterns zu einer Szene.
- Auf einer SD-Karte lassen sich bis zu 32 Packs speichern.
- Ein Pack besteht aus bis zu 64 Drum-Samples, 128 Synth-Patches und 64 Projekten.
- Eingebautes Reverb, Delay und Sidechaining.
- Endlos-Encoder, um Sounds zu verändern.
Und das ist nur an der Oberfläche gekratzt, denn das Circuit Tracks bietet noch eine ganze Menge mehr.
Nur eine Sache machte mich ein wenig stutzig: Das fehlende Display. Mir war nicht ganz klar, wie ein doch einigermaßen komplexes Gerät völlig ohne Display funktionieren sollte. Als ich dann aber die ersten Gehversuche machte und das (zwar nicht sonderlich intuitive, aber dennoch leicht zu durchschauende) Bedienkonzept klar wurde, hatte mich das Circuit Tracks restlos überzeugt!
Natürlich muss man bei einem Preis von ca. 350 Euro die Erwartungen schon deutlich anpassen. Das Gerät bietet also bei Weitem nicht die Möglichkeiten, die meine DAW am PC bietet. Effekte und Funktionen zum Abmischen sind doch arg begrenzt und Patches für die integrierten Synthesizer (eigentlich sind es nur zwei Instanzen eines Gerätes) lassen sich nur am PC erstellen oder grundlegend verändern, Samples lassen sich nicht direkt aufnehmen/verändern, sondern müssen auch am PC importiert werden. Es gibt keinen integrierten Lautsprecher und mit nur zwei Synthesizer-Tracks kommt man doch reichlich schnell an die Grenzen. Dazu kommt noch eine Reihe von anderen „Unzulänglichkeiten“. Aber hey, ich will hier gar nicht groß meckern.
Ich habe mir das Gerät gekauft, um schnell und unkompliziert ein paar Ideen zu skizzieren – hauptsächlich im Bereich EBM. Und genau da ist oft Minimalismus gefragt. Meist geht es ohnehin nur um eine einzige Sequenzer-Spur, die an einer Tour durchhämmert. Dazu noch anständig fette Percussion und das war’s erstmal. Und genau das lässt sich mit dem Circuit Tracks perfekt machen: Einfach einschalten, einen Speicherplatz auswählen und loslegen. Das Bedienkonzept ist dabei beinahe schon genial einfach und man hat sich ratzfatz ein paar Patterns zusammengebastelt, mit denen man weiterarbeiten kann.
Wenn die beiden Synthesizer-Spuren nicht mehr ausreichen und man das Circuit Tracks alleine betreiben möchte, dann kann man sich abhelfen, indem man eine oder mehrere der Drum-Spuren als Sampler missbraucht. Schließlich hat man 64 Sample-Speicher zur Verfügung. Wer sagt denn, dass man da unbedingt Percussion samplen muss? Es können ja auch die gewünschten Synthesizer-Klänge sein, bis hin zu kompletten Loops.

Ich habe das Ganze nun noch ein Stück weiter getrieben und über die beiden MIDI-Ausgänge des Geräts (das Circuit Tracks bietet DIN-Buchsen für MIDI in, out und thru, wobei sich MIDI Thru als zweiter Ausgang konfigurieren lässt) meine beiden Behringer Mini-Synthesizer angesteuert. Damit wird das Ganze nun tatsächlich zur Büchse der Pandora, denn gekoppelt mit den Möglichkeiten dieser beiden Synths kann man richtig etwas anfangen. Der JT Mini (rechts) fungiert dabei als Bassline-Synthesizer, während ich den Pro VS Mini (links) gut für Flächen und Sweeps nutzen kann. Da lässt sich sicherlich so manche gute Live-Performance aufziehen – falls ich das jemals in Angriff nehmen werde.
Für’s Erste ist das Circuit Tracks für mich aber das perfekte Instrument für „Zwischendurch“. Oder abends auf dem Sofa, wenn in der Glotze wieder mal die Werbung dudelt. Einmal mit den passenden Packs bestückt, genügt mich das Gerät vollkommen, um mich stundenlang beschäftigen zu können. Und wenn man zu faul ist, um selbst Samples und Patches zu erstellen (oder falls man gerade kein SD-Kärtchen zur Hand hat), dann kann man auch mit den integrierten Sounds ordentliche Tanzmusik basteln.
Was mir besonderen Spaß macht, ist das Herumexperimentieren und das Ausbauen der Möglichkeiten. Alleine die Erkenntnis, dass ich die Drum-Tracks als zusätzliche Synthesizer missbrauchen kann (ja, ich bin tatsächlich selbst darauf gekommen, ohne mir irgendwelche Youtube-Tutorials anzugucken – dort habe ich diese Möglichkeit erst viel später entdeckt), hat mich in gewisser Weise an meine Jugend erinnert, in der die ersten Homecomputer gerade auf dem Markt kamen. Seinerzeit fanden die Programmierer beinahe täglich neue Methoden, den Geräten eine Leistung abzuverlangen, die seitens der Hersteller eigentlich gar nicht vorgesehen war.
Obwohl … ich habe den Verdacht, dass die Leute von Novation schon ziemlich genau wussten, was sie da zusammenschrauben und welche Möglichkeiten man noch ausloten kann.
Dann heißt es nun: Samples zusammenstellen und Patches basteln, damit ich eine ordentliche Bestückung hinkriege. Und dann mal schauen, was sich damit anstellen lässt.
That’s all, folks!




