Pioneer - Elite 2 mal anders

1984 war ich in meinem Freundeskreis der Erste, der bei "Elite" herausfand, wie man auf einer Station landet. Das war gar nicht so einfach, denn - wie bei so vielen Spielen auf dem C-64 - hatten wir aus mir unerfindlichen Gründen die Bedienungsanleitung irgendwie ... "verloren".

Seit Dezember 2014 spiele ich nun den Nachfolger, "Elite: Dangerous". Immer noch und immer noch mit Begeisterung. Doch vor einigen Tagen war mir aufgegangen, dass ich die beiden Teile dazwischen, "Elite 2 - Frontier" und "First Encounters", seinerzeit völlig ignoriert hatte. Also dachte ich, ich müsse da doch mal einen Blick reinwerfen. Kurzerhand den Emulator angeschmissen und losgelegt!

Einige Versuche später habe ich dann völlig entnervt aufgegeben, denn ich fand "Elite 2" schon fast aggressiv unlustig! Der Versuch, "Elite" auf pseudorealistisch zu bürsten, gefiel mir überhaupt nicht. Da fühlte sich so ziemlich alles scheiße an: Der manuelle Weltraumflug, die Gefechte, das Docken ... einfach alles. Und nur per Autopilot von A nach B schiggern, um ein bisschen Handel zu treiben oder so, war mir dann auch zu mau.

Allerdings stolperte ich bei meinen Recherchen zu "Elite 2" über ein interessantes Open-Source-Projekt: "Pioneer". Das musste ich gleich einmal ausprobieren. Und siehe da: Auch wenn es große Ähnlichkeiten zu "Elite 2" gibt, kommt "Pioneer" doch irgendwie zugänglicher um die Ecke.

Der Titelbildschirm

Wie man alleine am Titelbild unschwer erkennen kann, handelt es sich bei "Pioneer" nicht gerade um eine Grafikbombe. Von einem kostenlosen Open-Source-Fanprojekt kann man das aber sicherlich auch nicht erwarten. Umso interessanter fand ich, was dahintersteckt - auch wenn der Einstieg erstmal ein wenig ... nun, gewöhnungsbedürftig ist.

Der Charaktereditor stammt direkt aus der Hölle!

Es beginnt nämlich mit einem Charaktereditor - und der stammt direkt aus der Hölle!

Die Visage, die ich auf dem Bild oben zusammengeschraubt habe, gehört noch zu den harmloseren Vertretern. Da lassen sich noch ganz andere Hackfressen herstellen! Das kann einerseits zwar für Albträume sorgen, ist andererseits aber auch irgendwie lustig, wie ich zugeben muss. Das Ding lädt zum Experimentieren ein. Und zu Trinkspielen.

Es lassen sich aber auch noch einige andere Spielvoraussetzungen konfigurieren. Das Startraumschiff (ja, man kann mehrere Kisten fliegen), der Startort, der Name des Commanders und des Schiffes und noch ein paar Kleinigkeiten.

Das Schiff lässt sich ebenfalls anpassen

Ich habe mich für die Standardeinstellungen entschieden und startete damit auf dem Mars, der im Jahr 3226, in dem das Spiel stattfindet, selbstverständlich besiedelt ist. Die prächtige Stadt, in der ich loslege, präsentiert sich dann, wie beinahe schon zu erwarten war, in eher nüchterner Grafik:

Unser Startpunkt auf dem Mars wirkt grafisch eher zweckmäßig

Doch ich denke, die Grafik können wir bei diesem Spiel eher hintenanstellen, denn hier kommt es auf ganz andere Dinge an. Doch dazu später. Schauen wir uns zunächst einmal an, was man alles machen kann (und auch machen sollte), während man angedockt ist.

Das Schwarze Brett

Hierzu sei gleich gesagt: Wer "Elite" und/oder "Elite 2" kennt, den dürfte das nun Folgende nicht überraschen, denn die einzelnen Elemente wurden tatsächlich nahezu 1:1 übernommen, wenn auch grafisch ein wenig abgewandelt.

Man hat die Möglichkeit, die Stationsdienste aufzurufen. Diese Dienste beinhalten ein Schwarzes Brett, an dem allerhand Aufgaben angeboten werden. Außerdem gibt es einen Warenhandel, versehen mit verschiedenen Icons, anhand derer sich beim Abgleich mit diversen Navigationskarten und einigem Kombinieren durchaus lukrative Handelsmöglichkeiten und -routen ausbaldowern lassen.

Außerdem gibt es natürlich die Möglichkeit, das eigene Schiff zu betanken, zu reparieren, aufzumunitionieren und mit neuer Ausrüstung auszustatten. Und falls die Station auch über eine Schiffswerft verfügt, kann gleich ein komplett neues Schiff angeschafft werden.

Vor dem Losfliegen sollte man also schauen, dass man sich entweder einen oder mehrere Jobs ergattert oder dass man seinen Laderaum mit gewinnversprechenden Waren vollknallt. Dann muss noch ein Ziel gesetzt werden, was - in bester "Elite 2"-Manier - über sowohl interstellare als auch systemgebundene Karten funktioniert. Danach holt man sich noch die Starterlaubnis vom Tower ein ... und ab geht die Post. Aber Vorsicht: Startet man ohne Erlaubnis, dann schießt einem die Polizei in den Arsch!

Start in einen Sonnenaufgang

Der Blick nach hinten

Außenkamera

Wie bei "Elite 2", gibt es auch hier natürlich verschiedene Kamerawinkel.

Doch nach dem Start geht es erst so richtig los. Und damit komme ich gleich mal zu dem Punkt, der mir bei "Elite 2" so überhaupt nicht gefallen hat, bei "Pioneer" aber irgendwie cool ist: Der Raumflug selbst.

In beiden Spielen kann man einfach einen Autopilot aktivieren, der alle Steuerungsaufgaben übernimmt. Das ist natürlich kacklangweilig, denn das Ding macht wirklich alles selbständig! Einfach die Zeitbeschleunigung einschalten und zack, schon ist man am Ziel angedockt. Das Ganze natürlich in optimaler Zeit und mit optimalem Kraftstoffverbrauch.

Alternativ kann man das Schiff auch fliegen wie ein Flugzeug. Bei "Elite: Dangerous" nennt man das "Flight Assist on". Dabei werden die Steuerdüsen automatisch bedient, sodass das Schiff immer stabil in die Richtung fliegt, in die man es steuern möchte. Eben wie ein Flugzeug innerhalb einer Atmosphäre. Kann man so machen, ist aber auf Dauer nicht wirklich zielführend ... und schon gar nicht spaßig.

Wenn man die Büchse der Pandora so richtig aufreißen möchte, dann schaltet man alle Assistenzsysteme (bis auf die Rolldämpfung - die ist ganz komfortabel) aus uns setzt Sir Isaac Newton an's Steuer. Und dann wird selbst der Flug vom Mars zur Erde zu einer echten Herausforderung. Aber zu einer Herausforderung, die sich durchaus mit ein wenig Übung meistern lässt.

Navigation im Weltraum

Das HUD bietet für diesen Fall eine Reihe von Indikatoren, Skalen und Markierungen, mit deren Hilfe man die Geschwindigkeit des Schiffes in Relation zu verschiedenen Himmelskörpern (oder anderen Referenzpunkten) einschätzen kann. Dann gilt es, gezielte Schübe mit dem Haupttriebwerk oder den Steuerdüsen zu geben, um sich dem Ziel anzunähern. Dabei muss nicht nur beschleunigt und rechtzeitig auch wieder gebremst werden, sondern auch der Treibstoffverbrauch im Auge behalten werden. Vergeigt man den letztmöglichen Bremspunkt, kesselt wie eine wildgewordene Feuerwerksrakete am Ziel vorbei und hat keinen Sprit mehr, um in die Gegenrichtung zu beschleunigen, dann war's das. Dann geht's ab in Richtung Andromeda-Galaxie. Und zwar ungesteuert.

Schafft man es hingegen, sich an das Ziel heranzuarbeiten und dann auf das Landepad zuzuschweben, dann ist das wirklich ungemein befriedigend!

Anflug auf London

Der Anflug auf London, nachdem ich vom Mars gestartet war, fühlte sich jedenfalls nach einem echten Erfolg an.

Ich sag's aber gleich: "Pioneer" ist wahrlich kein Spiel, das man einfach mal so "rasch zwischendurch" angehen kann. Um die ganze Raumflugmechanik auch nur ansatzweise herauszukriegen kommt man nicht umhin, sich zunächst einmal ein Tutorial anzuschauen. Ansonsten ist man hoffnungslos verloren und eiert völlig hilflos im All umher. Außerdem muss man einige Geduld mitbringen, denn schnelle Manöver führen hier bestenfalls zum Crash, schlimmstenfalls aber dazu, dass man hilflos in's All abdriftet.

Und dabei beschränken sich meine Erfahrungen bislang nur auf einige wenige Flüge innerhalb eines einzigen Systems. Richtig lustig wird das erst, wenn man mit interstellaren Reisen anfängt. Und dann sind da ja auch noch die bösen Buben, die auf die Fracht aus sind. Ich nehme es schon mal vorweg: Die Schießereien fallen nicht so dynamisch aus, wie man es beispielsweise aus "Wing Commander" kennt. Denn auch hier geht es um Geschwindigkeitsangleichungen und Bewegungsvektoren relativ zum Ziel.

Werde ich tiefer in das Spiel hineinschauen? Hm, gute Frage. Ich denke, einige Sessions wird es mit Sicherheit noch geben.

Wird es ein Dauerbrenner wie "Elite: Dangerous"? Nein, wahrscheinlich nicht.

Solltet Ihr da mal reinschauen? Wenn Ihr auf Hardcore-Weltraumsimulationen steht oder "Elite 2" geil fandet, dann auf jeden Fall!

Spannend ist es allemal, auch wenn es einen längeren Atem dafür braucht.

That’s all, folks!

Zurück zur Übersicht >>>