Das Call of Duty Tagebuch – letzter Eintrag

So, ich bin durch. Jetzt gibt es noch einige Anmerkungen zu „Infinite Warfare“ und dann kommen wir zum endgültigen Fazit und klären die Frage: Wann ist „Call of Duty“ blöd geworden?

Um es gleich klar zu machen: In „Infinite Warfare“ geht es ab in den Weltraum.

„Infinite Warfare“ war nun der letzte „Call of Duty“ Teil, den ich spielen konnte. „World War II“ ist noch nicht raus und ich werde ihn mir ganz sicher nicht sofort beim Erscheinen kaufen. Hintergrund ist der, dass mir eine Einzelspielerkampagne von vielleicht 6 Stunden das Geld nicht wert ist. Und auf den Multiplayerquatsch scheiße ich was.

Und, wie war es nun? Nach dem total vergurkten Ich-möchte-gerne-erzählen-können-wie-Christopher-Nolan-bin-aber-zu-blöd-dafür-Teil „Black Ops 3“ hatte ich meine Erwartungen ja ziemlich tief in den Keller geschraubt. Die Kritiken der sogenannten „Fachpresse“ waren auch durchwachsen ausgefallen, doch seit dem stellenweise großen Lob, das „Black Ops 3“ eingefahren hatte, war ich doch ein wenig skeptisch. Gut so, denn in meinen Augen ist „Infinite Warfare“ alles andere als ein Rohrkrepierer.

Zugegeben, die Story kann man weitgehend vernachlässigen. Erde überbevölkert, Menschen mussten auf andere Himmelskörper im Sonnensystem ausweichen, Mars erklärte sich für unabhängig und fängt Krieg mit der Erde an, toller Commander von der Erde schnappt sich das letzte verbliebene Schlachtschiff und kackt zurück, Bösewicht vom Mars wird schlussendlich gekillt, Commander macht die feindliche Basis auf dem Mars platt und kneift dabei selbst den Arsch zu. Das ist so flach, dagegen wirkt ein Flunder wie der Mount Everest. Ich fand die, ähem, Story allerdings ganz amüsant, denn der völlig überdrehte Trashfaktor der Dialoge entfaltete einen unglaublichen Unterhaltungswert für Personen, die Derartiges goutieren können. Hauptsächlich dämliches „Semper Fi“-Gelaber und überharte Soldatensprüche. Ich nehme an, diese Dialogzeilen wurden verbrochen von Personen, die niemals selbst Soldaten waren aber glauben, Soldaten würden so reden. Völlig Banane. Besonders geil fand ich den Oberbösewicht, dargestellt von irgendeinem Nappel aus „Game of Thrones“. Der Hit bei diesem Typen war, dass er nicht nur nicht böse war, sondern dass man ihn auch nicht sonderlich ernst nehmen konnte. Alles in allem ist dieser erzählerische Überbau des Spiels dermaßen bescheuert, dass ich ihn schon wieder richtig unterhaltsam fand. Ein Charakter aus dem Spiel, der Roboter „Ethan“, scheint das übrigens auch kapiert zu haben, denn er ist der einzige, der halbwegs vernünftige (weil ironische) Kommentare vom Stapel lässt.

Vielleicht sollte ich auch noch erwähnen, dass die Story absolut halbgar ist, denn viele Sachen werden überhaupt nicht zu Ende gedacht. Die sich anbahnende Lovestory zwischen den beiden Hauptcharakteren, die irgendwie völlig im Sande verläuft und damit endet, dass sich die beiden in völliger Übereinstimmung irgendwelche knallharten Marine-Sprüche um die Ohren hauen, bevor der Held schließlich die Hufe in die Luft reißt, fand ich so richtig zum Brüllen.

Das ist alles völlig bekloppt. Aber nicht falsch verstehen: Ich hatte meinen Spaß daran. Jedenfalls einen Haufen mehr Spaß als an der Story von „Black Ops 3“.

Schlittschuhlaufen auf dem Jupitermond Titan. Schade, dass man so wenig Gelegenheit hat, sich die spektakulären Szenerien anzuschauen.

Das Gameplay hat sich, „Call of Duty“-typisch, kaum verändert. Jede Menge Moorhühner, dazu noch ein paar Flugeinlagen mit einem Raumjäger. Ich hatte schon im Vorfeld gelesen, diese seien einigermaßen seicht ausgefallen und keinesfalls mit einem „Wing Commander“ oder „Elite: Dangerous“ vergleichbar. Stimmt, die Flugpassagen sind extrem seicht. Wenn man sich ein wenig an die verquere Tastenbelegung (ich war zu faul zum Umkonfigurieren) gewöhnt hat, dann geht das alles locker von der Hand und man ballert die Feinde im Sekundentakt runter. Das ist auch nicht anders als die Hubschraubereinlagen in den vorherigen Spielen, aber auch nicht ganz so scheiße wie die Abschlusssequenz in „Black Ops 2“.

Wieder mal ein Riesenkrawall. Gleich am Anfang stürzt ein Großkampfschiff ab und löst einen Mini-Tsunami aus.

Ein paar kleine Schmankerl gab es aber trotzdem. Beispielsweise eine Schleichpassage, in der man sich Zutritt zu einem feindlichen Schiff verschaffen und anschließend durch die Reihen der Gegner meucheln muss, bis man schließlich hochrangigen Offizieren den Hahn zudreht. Oder eine Passage, in der man ein Kampfschiff beim Sturz in die Atmosphäre verfolgen muss. Und dann war da noch eine Mission, die in der Nähe der Sonne spielt und bei der man das Sonnenlicht meiden muss, wobei dieses zu einem Taktikelement wird, weil gegnerische Roboter mit Sonnenenergie funktionieren und im Schatten den Geist aufgeben.

Ok, der letzte Punkt ist von „Mass Effect“ geklaut, aber was soll’s?

Ein bisschen „Wing Commander“ steckt auch drin – wenn auch nur in den Zwischensequenzen.

Ich könnte mich jetzt noch seitenlang zu diesem Spiel auslassen, aber ich mache es mal kurz: Zusammengefasst ist „Infinite Warfare“ ein recht ordentliches „Call of Duty“ mit einigen netten Elementen, die mir sehr gut gefallen haben. Unfreiwillig lustige Story, klasse gemachte Science-Fiction-Elemente (ich stehe auf diesen Raumschiff-Scheiß) und wieder jede Menge Bombast mit hohem Wuselfaktor. Wie schon gesagt, Infinity Ward hat wieder mal die Nutte gebumst, die seit „Modern Warfare“ gebumst wird.

So, und jetzt das große Fazit und die Antwort auf die Frage:

Wann ist Call of Duty doof geworden?

Und die Antwort lautet:

Na ja, eigentlich gar nicht so richtig.

Ja, jetzt guckt Ihr blöd, gelle? Ich offen gestanden auch, denn ich hatte tatsächlich rein subjektiv den Eindruck, „Call of Duty“ sei im Laufe der Zeit irgendwie immer bekloppter geworden. Aber jetzt, nachdem ich die Kampagnen aller Teile in einem Rutsch durchgespielt habe, muss ich das doch ein wenig revidieren. „Call of Duty“ hat einfach nur das Problem, dass immer wieder das gleiche Rezept gekocht wird, und zwar immer auf den Punkt genau. Es ist so, als habe man über immer die gleichen Engine einfach neue Grafiken und neue Soundkulissen gelegt. Nur hier und da wurden mal ein paar neue Features hinzugefügt. Im Endeffekt fallen die aber kaum ins Gewicht, denn der Hauptaspekt ist doch immer wieder die Moorhuhn-Schießbude. Und die funktioniert mal besser und mal schlechter.

Nein, „Call of Duty“ ist nicht doof geworden. Es sind einfach nur ein paar ziemlich doofe Teile dabei – und die stammen fast ausschließlich aus der Schmiede von Treyarch. Schon komisch, denn ausgerechnet die haben mit „Black Ops“ in meinen Augen einen der besten Teile überhaupt abgeliefert. Der Rest – „World at War“, „Black Ops 2“ und „Black Ops 3“ – machte überhaupt keinen Spaß. Das haben die Jungs von Infinity Ward deutlich besser drauf, auch wenn „Modern Warfare 3“ für mich nicht unbedingt ein Knaller war.

Jetzt geht es also wieder zurück in den zweiten Weltkrieg. Ganz ehrlich, ich verspreche mir nicht sonderlich viel davon. Vermutlich wieder ein Riesenkrawall, bei dem an allen Ecken und Enden irgendwas explodiert und man die eine Hälfte der Zeit nur Passagier ist, während man die andere Hälfte der Zeit ein paar Pappnasen wegklickt. Am Ende wird man dann erstmal das Gefühl haben, irgendetwas Tolles erlebt zu haben, bis einem dann allmählich aufgeht, dass man im Grunde doch nur das erneut durchgespielt hat, was man schon etliche Male zuvor gespielt hatte. Tja, und das ist eben das Problem mit „Call of Duty“.

Aber seien wir mal ehrlich: Würde das nächste „Call of Duty“ nun plötzlich ein völlig neues Gameplay an den Tag legen, dann frage ich mich, wie lange der Shitstorm wohl auf sich warten ließe? Ratzfatz käme dann doch das Argument, das Spiel fühle sich ja überhaupt nicht mehr wie ein richtiges „Call of Duty“ an. Und dann wären plötzlich weder die Schlauchlevels noch die dämliche KI ein Problem, sondern eher Alleinstellungsmerkmale der Reihe, die gefälligst genau so vorhanden sein müssen.

Noch schlimmer: Man stelle sich einmal vor, „Call of Duty“ würde plötzlich auch noch anspruchsvoll werden. Also, das ginge ja mal gar nicht! Jede Wette, sämtliche Foren, die sich mit Videospielen beschäftigen, würden plötzlich überquellen vor lauter Gejammer, bei dem man wegen der katastrophalen Rechtschreibung und Grammatik zunächst einmal einen Ägyptologen hinzuziehen müsste um herauszufinden, was die Kiddies eigentlich sagen wollen. Das wäre schon ziemlich tragisch … aber auch irgendwie lustig.

Würde die Reihe übrigens nur aus vier Titeln bestehen, dann wäre diese Eintönigkeit überhaupt kein Problem. Tut sie aber nicht.

Das soll aber ok sein. „Call of Duty“ in seiner Gesamtheit ist eben ein Shooter, der hauptsächlich auf Action und Präsentation setzt. Quasi der Michael-Bay-Krawall der Videospielindustrie. Anspruchslose Popcornscheiße, mit der man aber durchaus einen Haufen Spaß haben kann, wenn man nicht gerade jemand ist, der den Mainstream krampfhaft ablehnen und unterhaltungstechnisch gegen den Wind pissen muss. Zurücklehnen, Birne auf Autopilot, ein bisschen berieseln lassen und dabei ein paar Blaue Bohnen abfeuern, dann hat man Freude daran. Und das ist für mich absolut in Ordnung, denn genau für solche Entspannung sollten Videospiele schließlich gemacht werden.

So, und jetzt spiele ich was anderes. Ich hab schon Zuckungen in den Augen von diesem ganzen Gedöns …

Updated: 20. Juli 2017 — 9:57
© 2017 Niels Peter Henning

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